Alles nicht mehr dasselbe!

„Ich vermisse es…“

Heute spielt der HSV auswärts gegen Holstein Kiel. Hamburg möchte seine Tabellenführung ausbauen und die Störche wollen ihrerseits drei Punkte holen, um den großen Nachbarn in der Tabelle unter Druck zu setzen. Ein Spitzenspiel, kann man so schon sagen.

Auf den Tag genau vor einem Jahr traf man auch aufeinander. Ebenfalls in Kiel. Die Welt war in Ordnung, das Wetter zwar recht kühl, aber trocken, Corona war bestenfalls ein mexikanisches Bier und aus Niebüll machten sich ca. 15 Leute auf in die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt, um den Hamburger SV zu unterstützen. Eine Auswärts-Tour, die kürzer ist, als eine Fahrt zu einem normalen Heimspiel in Hamburg. Wenn ich an diesen Tag im November 2019 zurück denke, merke ich, was ich im Vergleich dazu momentan alles vermisse.

Ich vermisse es, im Vorfeld die Tour zu planen, Karten zu besorgen und unendliche Whatsapp-Nachrichten zum jeweiligen Spiel zu lesen, bis es dann endlich losgeht.

Ich vermisse es, meine Tasche zu packen, mit allem, was man für eine anstrengende Tour zum Fußball so braucht. Trikot, Schal, Selter, ein paar Bier, Schnaps – sowas halt. Diese dann morgens zu nehmen, der Familie einen Kuss zu geben und in dem Wissen aus dem Haus zu gehen und mit dem Rad zum Bahnhof zu fahren, dass wir uns heute nüchtern nicht mehr wiedersehen werden – ein kleines Gefühl von Freiheit.

Ich vermisse es, in einen Zug zu steigen, der sich von Haltestelle zu Haltestelle mit Fans der eigenen (und bei Auswärtsspielen auch und vor allem der gegnerischen) Mannschaft füllt. Das mag für andere Fahrgäste sicherlich auch mal unangenehm sein. Für uns ist es einfach der pure Zusammenhalt. Mit teils wildfremden Menschen zusammen wird gesungen, getrunken, geredet oder Blödsinn gemacht. Undenkbar in der momentanen Zeit, in der wir uns befinden.

Ich vermisse es, am Zielbahnhof anzukommen, nach einem Schließfach für die eigenen Taschen zu jagen, anschließend zur Toilette zu gehen, vielleicht eine Kleinigkeit zu essen und das ein oder andere Getränk, egal ob vom Kiosk oder in der Kneipe (so wie letztes Jahr in Kiel) zu sich zu nehmen, bevor man sich Richtung Stadion aufmacht. Dass der Pegel stets steigt – logisch. Aber darum gehts nicht. Nicht nur zumindest. Sondern um die Gemeinschaft. Um das Wir. Um Geschichten, die wir schon zusammen erlebt und von denen wir immer und immer wieder erzählen können, ohne dass es jemals langweilig wird.

Ich vermisse es, am Stadion anzukommen. In der Schlange zu stehen, es riecht nach Bier und Sieg und nach Sensation. Und es sind alle da. Die Freunde. Die Ordner, mal mehr, mal weniger entspannt. Die Pfandsammler. Die Typen, die man sonst nicht mit der Kneifzange anfassen würde – aber hey, wir sind alle Hamburger Jungs. Die Originale, die man so nur hier findet. Den Mundgulli-Mann, die Frikadellen-Frau, Mattenfrau-Mann, „Helge“, den Indianer. Oder den Typen, der damals beim Moskau-Spiel viel zu früh pöbelnderweise aus dem Stadion flüchetete und nicht mitbekam, dass wir das Ding in den letzten 5 Minuten noch durch zwei Tore gedreht haben. Und alle möglichen Gestalten, die ich hier vergessen habe.

Ich vermisse es, den Block zu betreten, sich den Weg durch andere Zuschauer zu bahnen, um einen geeigneten Platz zu finden und das Spiel zu verfolgen. Choreos, Pyrotechnik, zu singen, zu schimpfen, zu hadern, zu verzweifeln und zu jubeln. So wie letztes Jahr in Kiel, wo alles dabei. Rote Karte für Jatta, Führung für die Störche und der Last-Minute-Ausgleich für die Rothosen. Und dazu noch mit Flensburger das beste Stadionbier der Republik.

Ich vermisse es, dass wir uns nach dem Spiel auf den Weg zurück machen, ob mit Bus oder zu Fuß – egal. Hauptsache, wir sind auf der Jagd nach was nahrhaftem … naja, zumindest nach etwas vom Dönermann oder dem goldenen „M“. Es gibt kaum etwas, was besser schmeckt, wenn man aus dem Stadion kommt, als ein frischer Döner(-Teller) mit allem, dazu eine Flasche Bier.

Pyrotechnik in der Kurve
(Bild: nerdisch-by-nature.de)

Ich vermisse es, in den Zug zu steigen, voller Euphorie ob des Sieges bzw. voller Ernüchterung wegen der Niederlage. Die sich möglicherweise entwickelnden Zug-Partys, die – so ehrlich muss man sein – bei krachenden Niederlagen meist viel besser ausfallen, als bei grandiosen Siegen.
Derbysiege und Klassenerhalte gegen Wolfsburg durch ein Tor in der 88. Minute mal ausgenommen.

Ich vermisse es, zurück am Heimat-Bahnhof zum Fahrrad zu wanken, nach Hause zu fahren und auf dem Sofa selig einzuschlafen. Oder aber – was bei mir zwar nicht so häufig, bei anderen aber desöfteren vorkommt – noch weiterzuziehen, um dem Wirt einer örtlichen Kneipe noch etwas Umsatz zu verschaffen.

All das ist momentan nicht möglich. Nicht mal das gemeinsame Fußball gucken am TV sollte man zur Zeit praktizieren. Das ist wohl leider richtig so, und dennoch – wenn Woche für Woche Spiele in leeren Stadien angepiffen werden, man selbst nur am Fernseher miterlebt, wie die eigene Mannschaft in den leeren Stadien der Republik gerade so gut in die Saison gestartet ist, wie noch nie zuvor und man unweigerlich in Erinnerungen schwelgt, wie oben beschrieben – dann blutet einem als Fußball-Fan und vor allem als Stadiongänger das Herz.

Ein Ende ist leider nicht abzusehen. Selbst wenn vielleicht noch in diesem Jahr oder aber Anfang des neuen Jahres wieder ein paar Tausend Fans ins Stadion dürfen – und selbst das ist ja nicht gesichert – wird es wohl noch mindestens bis zum Sommer dauern, eh wir wieder das gewohnte Bild haben werden, mit einem ausverkauften Stadion, singenden und jubelnden Fans, Choreographien, Bier in der Hand usw. Zumindest hoffe ich das. Vielleicht gelingt ja eine Punktlandung zum Saisonfinale …

Bis dahin bleibt einem nur das Hoffen, dass dieser Zustand endlich bald ein Ende hat. Und zwar so schnell wie möglich, nicht nur im Fußball, sondern überall!

Nach dem Spiel in die gefüllte Kurve gehen – ein Ritual, das sicherlich auch den Profis fehlt
(Bild: nerdisch-by-nature.de)

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